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Klicktafel · KI · Fortbildung

Reverse Engineering mit KI

Was steckt hinter dem Hype, dass eine KI „Photoshop nachbaut“? Wir trennen drei Dinge: ein Programm verstehen, eine Funktion nachbauen, ein Produkt ersetzen – und probieren selbst, was sich aus einem fertigen Produkt herauslesen lässt.

Einstieg · Black-Box

Die Maschine rechnet – ihr seht nur rein und raus

Läuft von selbst: Die Box bekommt eine Zahl und gibt eine zurück. Den Rechenweg seht ihr nicht.

rein–
→
? ? ?
→
raus–

Kann eine KI Photoshop nachbauen, ohne je den Quellcode gesehen zu haben?

Station 1 · Begriff

Reverse Engineering: rückwärts denken

Auftrag: Ihr kennt das aus dem Technikunterricht. Wo habt ihr schon einmal etwas zerlegt, um zu verstehen, wie es funktioniert?

Der normale Weg baut etwas. Reverse Engineering geht ihn zurück.

Idee→Plan→Produkt

Reverse Engineering:

Produkt→Verständnis→Nachbau

Man startet beim fertigen Produkt oder beim beobachtbaren Verhalten und arbeitet sich zurück zu der Frage: Wie funktioniert das?

Gehäuse · Mine · Feder · Drücker

Produktanalyse im Technikunterricht ist nichts anderes: ein Gerät zerlegen, die Teile und ihr Zusammenspiel verstehen. Reverse Engineering an Hardware – eine etablierte Methode.

Station 2 · Der Anlass

Oktober 2026: zwei Projekte gehen viral

Auftrag: Lest die beiden Karten. Was wurde behauptet, was ist belegt?

ArtCraft / PhotoCraft

  • Sieben kostenlose Adobe-Nachbauten in Rust, u. a. PhotoCraft (Photoshop) und VectorCraft (Illustrator), entwickelt mit Claude Opus 5.5.
  • „Clean Room“ laut Projekt: gebaut nur aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten, ohne fremden Code. Lizenz von PhotoCraft: MIT oder Apache-2.0.
  • PhotoCraft entstand also durch Beobachten, nicht durch Decompilieren.

REA – „Reverse Engineer Anything“

  • Ein Werkzeugkasten, der KI-Agenten klassische RE-Werkzeuge gibt: Ghidra, IDA, Hopper u. a.
  • Reicht vom Beobachten des Verhaltens bis zum Zerlegen von Binärcode.
  • Ein Test mit einer einfachen Mac-App: Auch ein normaler KI-Agent ohne REA baute einen nahezu gleichen Klon. Mit REA wurde er etwas genauer, brauchte aber länger. Die Hauptarbeit leistet der Agent.

Station 3 · Überblick

Drei Zugänge – vom Leichten zum Tiefen

Auftrag: Tippt jede Kachel an. Ordnet zu: Welcher Zugang steckt hinter PhotoCraft, welcher hinter REA?

1 · Black-Box beobachten

Nur rein und raus ansehen

2 · Dateiformat öffnen

Datei als das lesen, was sie ist

3 · Binärcode zerlegen

Das fertige Programm auslesen

Station 4 · Zugang 2

Eine Datei ist oft ein ZIP

Simulation

Auftrag: Erst vermuten – steckt in einer Scratch-Datei lesbarer Text? Dann auf „Umbenennen“ tippen und nachsehen.

projekt.sb3 →

Ausschnitt aus project.json (nachgebaut, kein Originalprojekt):

{ "ziel": "katze", "start": { "x": 0, "y": 0 }, "block": "gehe 10 schritte", "wiederhole": 4 }

Kein Geheimnis, nur Text. Eine KI kann so eine Datei erklären oder per Skript eine neue, gültige erzeugen – ganz ohne das Programm.

Station 5 · Zugang 3

Kompiliert heißt nicht geheim

Simulation

Auftrag: Vermutet zuerst – findet man ein im Programm fest eingebautes Passwort ohne den Quelltext? Dann auf „strings“ tippen.

So stand es im Quelltext (C):

if (strcmp(eingabe, "Moin2026") == 0) printf("Zugang frei\n");

Kompiliert sieht die Datei aus wie Zeichensalat:

… 48 89 e5 e8 7f 00 4d 6f 69 6e 32 30 32 36 00 5a 75 67 61 6e 67 20 66 72 65 69 00 46 61 6c 73 63 68 …

Werkzeug strings zieht lesbaren Text heraus:

Lehre: Ein fest eingebautes Passwort ist nicht sicher – es steht lesbar in der Datei. Darum werden Passwörter nie im Programm gespeichert, sondern nur als Hashwert. → Klicktafel „Passwort & Hash“

Station 6 · Kern

Drei Dinge, die im Hype vermischt werden

Auftrag: Jede Stufe ist höher. Wo hilft die KI viel, wo wenig? Begründet.

1 · Verstehen

Wie funktioniert es? Verhalten erklären.

KI hilft hier viel

2 · Funktion nachbauen

Eine Oberfläche, einen Ablauf nachprogrammieren.

KI hilft, mit Lücken

3 · Produkt ersetzen

Qualität, Tempo, Zuverlässigkeit, Vertrauen – alles.

KI hilft hier wenig

Ein Look-alike (Stufe 2) ist noch kein Ersatz (Stufe 3). Genau das zeigt PhotoCraft.

Station 7 · Grenzen

Oberfläche ist schnell, Tiefe ist schwer

Auftrag: Ordnet zu – was war in Tagen nachgebaut, woran hakt es nach Monaten noch?

Oberfläche – schnell

  • Fenster, Menüs, Werkzeugleiste
  • einfache Abläufe (ausschneiden, Ebene)
  • „sieht aus wie …“

Tiefe – schwer

  • Farbmanagement (CMYK, ICC-Profile)
  • Präzision der Ergebnisse
  • Tempo bei großen Bildern
  • Zuverlässigkeit, keine Abstürze

Bei PhotoCraft genau so dokumentiert: Oberfläche steht, Farbe/Tempo/Stabilität sind in der frühen Alpha noch offen.

Station 8 · Geschichte

Das Muster ist über 40 Jahre alt

Auftrag: Lest den Zeitstrahl. Was ist 2026 wirklich neu – die Methode oder das Tempo?

11982–84

Clean Room: Compaq baut das IBM-PC-BIOS nach. Phoenix verkauft ab 1984 ein BIOS mit zwei Teams: Team 1 untersucht das Original und schreibt eine Beschreibung, Team 2 schreibt nur daraus neuen Code.

22019

Ghidra wird Open Source (NSA, 4. April 2019). RE-Werkzeuge für alle, kostenlos.

32026

KI-Agenten (REA, Claude & Co.) nehmen dieselben Werkzeuge und arbeiten schneller.

→neu?

Neu ist das Tempo, nicht die Idee. Reverse Engineering ist eine alte Disziplin.

Station 9 · Recht in Deutschland

Was ist erlaubt? Eine Ampel

Auftrag: Faustregel ableiten – welche zwei roten Linien merkt ihr euch für Schule und Fortbildung?

Beobachten, untersuchen, testen eines rechtmäßig genutzten Programms, um das Funktionsprinzip zu verstehen.§ 69d III UrhG
Eigene Programme zerlegen und decompilieren – unproblematisch.—
Fremde Programme decompilieren nur eng erlaubt, im Kern zur Herstellung von Interoperabilität.§ 69e UrhG
Code übernehmen, Marken/Logos nutzen, Oberfläche 1:1 kopieren oder gegen Lizenzen verstoßen – eigene Rechtsprobleme.—
Faustregel: Fremdsoftware nur als Black-Box beobachten; decompiliert wird nur, was euch selbst gehört. · Produktbeobachtung erlaubt auch § 3 I Nr. 2 GeschGehG. · Keine Rechtsberatung.

Station 10 · Zum Mitnehmen

Drei Experimente für zu Hause

Auftrag: Wählt ein Experiment aus und probiert es nach der Fortbildung aus.

Dateiformat. Eine .sb3- oder .docx-Datei kopieren, die Kopie in .zip umbenennen, entpacken. Die KI den Inhalt erklären lassen.
Kompiliert ≠ geheim. Ein winziges eigenes Programm schreiben, kompilieren und mit strings die lesbaren Texte zeigen. Nur mit eigenem Code.
Clean-Room-Klon. Der KI nur Screenshots und eine Beschreibung des Taschenrechners geben. Grenzfälle testen (5 ÷ 0, mehrfach =) und Abweichungen sammeln.

Station 11 · Weiterdenken

Diskussion

Auftrag: Wählt eine Frage und bezieht Stellung – mit Begründung.

Was bedeutet das für Software-Preise, wenn Oberflächen leicht nachbaubar sind?

Was heißt das für den Informatikunterricht – Werkzeug oder Denkweise?

Wann ist Nachbauen fair, wann verletzt es Urheberrecht?

Abschluss · Check

Habt ihr den Kern?

Auftrag: Entscheidet euch zuerst, dann auflösen.

Warum ist ein KI-Nachbau wie PhotoCraft noch kein Ersatz für Photoshop?

Hinweise für Lehrkräfte

Zielgruppe und Zeit

Lehrkräftefortbildung · 45 Minuten: Einstieg, Stationen 1–6, Check · 90 Minuten: alle Stationen mit Diskussion. Die Experimente auf Station 10 sind zum Ausprobieren nach der Fortbildung gedacht.

Lernziele

  • Reverse Engineering definieren (vom Produkt zum Verständnis).
  • Verstehen – Nachbauen – Ersetzen unterscheiden.
  • Drei Zugänge kennen (Black-Box, Dateiformat, Binärcode).
  • Erkennen: KI beschleunigt, erfindet nicht.
  • Rechtsrahmen in Grundzügen kennen.

Typische Fehlvorstellungen

  • „Die KI hat Photoshops Code gestohlen.“ Richtig: Clean Room – nur beobachtet, kein fremder Code.
  • „Nachbauen = ersetzen.“ Richtig: Oberfläche ≠ reifes Produkt.
  • „Reverse Engineering ist neu.“ Richtig: über 40 Jahre alt.

An der Tafel

Adresse mit #tafel startet den Tafelmodus, #tafel-5 die fünfte Tafel. → / Bild↓ weiter, ← / Bild↑ zurück, Esc beendet. Tafeln 5 und 6 sind Simulationen und führen keinen echten Code aus.