Wie aus Kreuzen Sitze werden
Bei der Bundestagswahl hat jede wahlberechtigte Person zwei Stimmen. Aber wie wird daraus ein Parlament mit 630 Sitzen? Hier spielst du eine Wahl Schritt für Schritt durch.
Der Halbkreis zeigt die Sitzverteilung der aktuellen Simulation. Am Anfang ist das das amtliche Ergebnis der Bundestagswahl 2025. In der Station „Hürde“ kannst du die Ergebnisse verändern.
Bundestagswahl 2025, amtliches Endergebnis
Begriffe
- Erststimme
- Stimme für eine Person, die im eigenen Wahlkreis antritt
- Zweitstimme
- Stimme für die Landesliste einer Partei; sie bestimmt die Zahl der Sitze
- Wahlkreis
- eines von 299 Gebieten, in denen je eine Person direkt gewählt wird
- Landesliste
- Reihenfolge der Kandidierenden einer Partei in einem Bundesland
- 5-%-Hürde
- Sperrklausel: Parteien unter 5 % der Zweitstimmen bekommen keine Sitze
- Grundmandatsklausel
- Ausnahme: Wer mindestens drei Wahlkreise gewinnt, bekommt trotzdem Sitze nach Zweitstimmen
- Zweitstimmendeckung
- Ein Wahlkreissieger bekommt den Sitz nur, wenn seine Partei genug Zweitstimmen hat
- Sainte-Laguë/Schepers
- Rechenverfahren, mit dem die Sitze verhältnisgleich verteilt werden
- Koalition
- Bündnis mehrerer Parteien, die zusammen eine Mehrheit bilden
- Fraktion
- Zusammenschluss der Abgeordneten einer Partei im Bundestag; CDU und CSU bilden eine gemeinsame Fraktion
Hinweise für Lehrkräfte
Jahrgang und Zeit. Klasse 9–10, Politik. 45 Minuten: Einstieg (5), Stationen 1–2 (15), Station 3–4 (12), Station 5 (8), Check (5). 90 Minuten: dazu Station 2 mit eigener Rechnung im Heft (Schülerrat mit 10 Sitzen), Station 4 mit Gespräch über Koalitionen und Parteiprogramme, Begriffe als Sicherung.
Lernziele. Die Schülerinnen und Schüler erklären die Aufgaben von Erst- und Zweitstimme, verteilen Sitze mit Sainte-Laguë/Schepers an einem kleinen Beispiel, begründen die Wirkung der 5-%-Hürde und ihrer Ausnahmen, bestimmen rechnerische Mehrheiten und erklären die Zweitstimmendeckung seit 2023.
Typische Fehlvorstellungen. „Die Erststimme ist die wichtigere, weil sie zuerst kommt.“ Richtig ist: Die Zweitstimme bestimmt die Zahl der Sitze. „Eine Partei bekommt genau ihren Stimmenanteil an Sitzen.“ Richtig ist: Stimmen für Parteien unter der Hürde fallen weg, die übrigen Parteien bekommen dadurch etwas mehr (Einstieg). „Rechnerische Mehrheit heißt Koalition.“ Richtig ist: Ob Parteien zusammenarbeiten, entscheiden sie selbst.
Rechenweg. Der Simulator verteilt 630 Sitze bundesweit nach Sainte-Laguë/Schepers auf alle Parteien, die die 5-%-Hürde überwinden, mindestens drei Wahlkreise gewinnen oder als Minderheitenpartei befreit sind. Mit den amtlichen Zweitstimmen von 2025 ergibt das genau die amtliche Sitzverteilung (CDU 164, AfD 152, SPD 120, Grüne 85, Linke 64, CSU 44, SSW 1). Die anschließende Verteilung auf die Landeslisten und die Zweitstimmendeckung je Land sind nicht simuliert; Station 5 zeigt sie an einem ausgedachten Land.
Rechtsstand. Grundlage ist das Bundeswahlgesetz in der Fassung der Reform von 2023 und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 30. Juli 2024: Die Zweitstimmendeckung und die Größe von 630 Sitzen blieben bestehen, die Grundmandatsklausel gilt bis zu einer Neuregelung weiter. Eine Kommission der Koalition aus CDU/CSU und SPD hat 2026 Vorschläge vorgelegt. Am 2. Juli 2026 hat der Koalitionsausschuss die Entscheidung vertagt; Streitpunkte sind, wie jeder Wahlkreissieger einen Sitz bekommt, und die Parität. Entschieden werden muss bis spätestens Frühjahr 2027. Bis dahin gilt das Wahlrecht von 2023 mit der Übergangsregel des Gerichts. Bitte vor dem Unterricht den aktuellen Stand prüfen.
Heikle Rechnung. Mit den echten Zahlen von 2025 führt schon eine kleine Änderung zu großen Folgen: Hätte das BSW 5,0 % statt 4,98 % erreicht, hätte es 34 Sitze bekommen, und CDU/CSU und SPD hätten zusammen nur 310 statt 328 Sitze. Das ist eine Rechnung, keine Aussage über das Wahlergebnis. Der Auftrag in Station 3 nutzt deshalb die ausgedachte Wahl.
Neutralität. Der Koalitionsrechner prüft nur Rechenmehrheiten. Die Parteien im Halbkreis sind nach Stimmenanteil sortiert, nicht nach der Sitzordnung im Plenarsaal. Die Station „Ausgedachte Wahl“ eignet sich, wenn ihr ohne reale Parteien arbeiten wollt. Kommen im Koalitionsrechner umstrittene Kombinationen auf, gilt der Beutelsbacher Konsens: Was in Politik und Gesellschaft kontrovers ist, wird auch im Unterricht kontrovers dargestellt.