Einstieg
Wie alt ist diese Idee?
Drei Leitsätze, wie sie in jedem Schulprogramm von heute stehen könnten:
„Zeigt den Kindern die Dinge selbst, statt nur über sie zu reden.“Idee: Comenius, Didactica magna, 1657
„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Unterricht beginnt dort, wo ihr Denken gerade steht.“Idee: Rousseau, Émile, 1762
„Bildung umfasst Kopf, Herz und Hand.“Idee: Pestalozzi, um 1800 (die Formel ist eine spätere Verkürzung)
Aus welcher Zeit stammt die älteste dieser drei Forderungen?
1657: Comenius fordert in der Didactica magna, die Dinge vor die Sinne zu bringen. Rousseau (1762) und Pestalozzi (um 1800) folgen. Viele „neue“ Ideen sind Jahrhunderte alt; empirisch untersucht wurden die meisten erst seit den 1960er-Jahren.
Was davon ist belegt, was nur gut gesagt? Und welche Namen muss man im Referendariat wirklich kennen?
Station 1 · Überblick
Wer kam wann? Ein Zeitstrahl aus Menschen
✋ Ausprobieren · im Raum10 Minuten
- Material
- 12 Zettel; je eine Karte von unten abschreiben, ohne Jahreszahl
- Rollen
- 12 Freiwillige mit Karte; alle anderen beobachten und notieren Streitfälle
- Vermutet still: Welche Karte ist die älteste, welche die jüngste?
- Stellt euch ohne zu sprechen in eine Reihe: Fenster = alt, Tür = neu. Drei Minuten.
- Jede Person liest ihre Karte vor. Die Gruppe darf einmal umsortieren.
- Zurück an die Tafel: auflösen und vergleichen.
Auswertung: Wo lag die Reihe am weitesten daneben – und warum?
Oft unterschätzt: Die Reformpädagogik ist über 100 Jahre alt. Klafki, Pygmalion und Kounin liegen nur zwölf Jahre auseinander. Ideen sind oft alt, empirische Belege meist jung.
Station 2 · Klassiker
Die Klassiker: 1657 bis 1826
Auftrag: Tippt einen Namen an. Formuliert vorher in einem Satz, was ihr über die Person schon wisst – dann vergleicht.
Station 3 · Reformpädagogik
Reformpädagogik: „Vom Kinde aus“ (um 1900–1933)
Auftrag: Was davon gibt es an eurer Ausbildungsschule? Sucht zu jeder Person eine Spur im heutigen Schulalltag.
Reformpädagogik kritisch: Die Odenwaldschule, lange ein Vorzeigeort der Bewegung, war Schauplatz jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs (breit öffentlich seit 2010, 2015 geschlossen). „Reform“ ist kein Gütesiegel.
Station 4 · Lernen und Entwicklung
Piaget: Ist im hohen Glas mehr?
Zwei gleiche Gläser, gleich viel Wasser. Ein Kind bestätigt: gleich viel. Dann wird ein Glas vor seinen Augen in ein schmales, hohes Glas umgeschüttet.
sensumotorisch0–2 Jahre
präoperational2–7 Jahre
konkret-operational7–11 Jahre
formal-operationalab 11–12
Ein fünfjähriges Kind sagt: „In C ist mehr.“ Woran liegt das nach Piaget?
Jean Piaget (1896–1980): Im präoperationalen Denken fehlen noch Dezentrierung und Umkehrbarkeit; die Invarianz gelingt meist ab etwa 7 Jahren. Lernen = Assimilation, Akkommodation, Äquilibration.
Vorsicht: Die Altersgrenzen sind grobe Richtwerte. Wie gefragt wird, ändert das Ergebnis: Bei McGarrigle und Donaldson (1974) gelang eine ähnliche Aufgabe öfter, wenn ein „frecher Teddy“ die Anordnung veränderte.
Station 5 · Lernen und Entwicklung
Wie lernt man? Vom Reiz bis zur Zone der nächsten Entwicklung
Auftrag: Vermutet für jede Person die Richtung – Behaviorismus, Kognitivismus oder Konstruktivismus? Dann antippen und prüfen.
Wygotski: Unterricht soll im blauen Ring ansetzen. Was heute nur mit Hilfe gelingt, gelingt morgen allein.
Station 6 · Didaktik
Klafki oder Berliner Modell: Womit fängt Planung an?
Auftrag: Tippt die Felder des Berliner Modells an. Wo würde Klafki anfangen, wo Heimann, Otto und Schulz?
Berliner Modell (lerntheoretische Didaktik) · Heimann, Otto, Schulz: Unterricht – Analyse und Planung, 1965
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Tippt ein Feld an.
Wolfgang Klafki (1927–2016) · Didaktische Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung, 1958
Fünf Grundfragen an jedes Thema:
- Exemplarisch: Welches allgemeine Prinzip wird daran verstehbar?
- Gegenwart: Welche Rolle spielt es schon jetzt im Leben der Kinder?
- Zukunft: Wofür brauchen sie es später?
- Struktur: Woraus besteht der Inhalt, wo liegen die Schwierigkeiten?
- Zugänglichkeit: An welchem Fall, Versuch oder Bild wird er anschaulich?
Klafki: Ziele und Inhalte zuerst, Methoden danach („Primat der Didaktik“). Berliner Modell: alle Felder bedingen sich gegenseitig („Interdependenz“).
Später baute er sie zur kritisch-konstruktiven Didaktik aus (Neue Studien, 1985): Unterricht soll an epochaltypischen Schlüsselproblemen wie Frieden, Umwelt und Ungleichheit bilden.
Station 7 · Didaktik
Die fünf Fragen an euer nächstes Thema
✎ Zettel und Stift · jede und jeder für sich8 Minuten
Wählt ein Thema, das ihr in den nächsten Wochen unterrichtet. Beantwortet Klafkis fünf Grundfragen dazu in je einem Satz: exemplarisch, Gegenwart, Zukunft, Struktur, Zugänglichkeit.
Für Schnelle: Ordnet eure fünf Sätze den Feldern des Berliner Modells zu. Welches Feld bleibt leer?
Beispiel „Der Hebel“ (Technik, Klasse 7):
Exemplarisch: Kraft lässt sich gegen Weg tauschen – das Prinzip vieler Werkzeuge und Maschinen. Gegenwart: Schere, Zange, Flaschenöffner, Wippe. Zukunft: Werkzeug sicher und kraftsparend nutzen, Maschinen verstehen, Berufe in Handwerk und Technik. Struktur: Drehpunkt, Kraftarm, Lastarm, Hebelgesetz: Kraft × Kraftarm = Last × Lastarm. Schwierig: Der Hebelarm ist der senkrechte Abstand der Wirkungslinie zum Drehpunkt, nicht die Länge des Stabs. Zugänglichkeit: Lineal auf einem Stift mit Münzen, Nussknacker, Brechstange.
Für Schnelle: Meist bleiben Methodik und Medien fast leer: Klafkis Fragen klären Ziele und Inhalte; nur die Zugänglichkeit berührt den Weg.
Station 8 · Unterrichtsforschung
Was macht Unterricht gut? Angebot und Nutzung
Auftrag: Tippt das Modell von links nach rechts an. Rechts: Welches Merkmal von Meyer würdet ihr einer anderen Säule zuordnen? Begründet.
Angebots-Nutzungs-Modell · Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität, 2009 (vereinfacht)
→ → → und von unten wirkt mit: ↑
Tippt ein Feld an.
Drei Basisdimensionen (Klieme u. a. 2001, TIMSS-Videostudie) mit Hilbert Meyers zehn Merkmalen (Was ist guter Unterricht?, 2004). Die Zuordnung ist ein Vorschlag zum Diskutieren.
Klassenführung
1 Klare Strukturierung2 Echte Lernzeit9 Transparente Leistungserwartungen10 Vorbereitete UmgebungKounin 1970: Allgegenwärtigkeit, Überlappung, SchwungKognitive Aktivierung
4 Inhaltliche Klarheit5 Sinnstiftendes Kommunizieren6 Methodenvielfalt8 Intelligentes ÜbenKonstruktive Unterstützung
3 Lernförderliches Klima7 Individuelles FördernStation 9 · Unterrichtsforschung
Hattie: Was liegt über 0,40?
Auftrag: Entscheidet für jeden Faktor: über oder unter Hatties Umschlagpunkt d = 0,40? Dann auflösen.
Rot gestrichelt = 0,40. Stand der Werte: Hatties Liste von 2012; andere Ausgaben weichen ab (Feedback 2009: 0,73).
John Hattie: Visible Learning (2009, dt. Lernen sichtbar machen 2013): über 800 Metaanalysen, rund 50.000 Studien. 2023 folgte The Sequel mit über 2.100 Metaanalysen.
Vorsicht: Ein d-Wert mittelt sehr verschiedene Studien, Fächer und Altersstufen. Die Prozentangaben („Common Language Effect Size“) der Erstausgabe waren falsch berechnet; Hattie räumte das ein. Fachwissen 0,09 heißt nicht „egal“: In der COACTIV-Studie wirkte fachdidaktisches Wissen über kognitive Aktivierung auf den Lernzuwachs.
Station 10 · Unterrichtsforschung
Was bedeutet d = 0,4?
✎ Zettel und Stift · jede und jeder für sich5 Minuten · ohne Taschenrechner
Effektstärke: d = (Mittelwert A − Mittelwert B) : Standardabweichung
Klasse A bekommt regelmäßig Feedback und erreicht im Test im Schnitt 62 Punkte, Klasse B ohne Feedback 56 Punkte. Die Standardabweichung beträgt in beiden Klassen 15 Punkte.
a) Berechnet d.
b) Klasse C erreicht 59 Punkte. Wie groß ist d gegenüber B?
Für Schnelle: Wie klein müsste die Standardabweichung sein, damit derselbe Unterschied von 6 Punkten d = 0,6 ergibt?
a) d = (62 − 56) : 15 = 6 : 15 = 0,4 b) d = 3 : 15 = 0,2
Für Schnelle: 6 : s = 0,6, also s = 10 Punkte. Derselbe Punktunterschied wirkt größer, wenn die Leistungen enger beieinander liegen.
Bei d = 0,4 liegt der Mittelwert von A über etwa 66 % der Ergebnisse in B (bei Normalverteilung). Spürbar, aber die beiden Klassen überlappen stark.
Station 11 · Sozialpsychologie
Erwartungen, Vergleiche, Urteile
Ein starker Mathe-Schüler wechselt in eine Klasse voller Mathe-Asse. Seine Noten bleiben gleich. Trotzdem sagt er: „Ich bin schlecht in Mathe.“ Welcher Effekt?
Das Selbstbild entsteht im Vergleich mit der Lerngruppe (Marsh 1987). Tippt rechts „Marsh“ an.
Station 12 · Bildungssoziologie
Wozu Schule? Funktionen und Herkunft
Auftrag: Tippt die vier Funktionen nach Fend an. Welche erfüllt ihr, wenn ihr eine Note gebt?
Schule
Tippt eine Funktion an.
Station 13 · Motivation
Macht eine Urkunde Lust aufs Malen?
Ein Kindergarten in Kalifornien, 1973. Kinder, die gern malen, kommen in drei Gruppen: Gruppe 1 weiß vorher, dass es fürs Malen eine Urkunde mit Goldstern gibt. Gruppe 2 bekommt sie überraschend, Gruppe 3 keine.
Zwei Wochen später liegen die Stifte in der freien Spielzeit wieder aus.
Anteil der freien Spielzeit mit den Malstiften · 51 Kinder, 3 bis 5 Jahre · Lepper, Greene und Nisbett 1973
Welche Gruppe malt zwei Wochen später am wenigsten?
Korrumpierungseffekt: Aus „ich male, weil ich will“ wird „ich male für die Urkunde“. Metaanalyse über 128 Studien (Deci, Koestner, Ryan 1999): Erwartete, greifbare Belohnungen senken die intrinsische Motivation; informierendes Lob kann sie stärken.
Erklärung nach der Selbstbestimmungstheorie: Die Belohnung schwächt das Gefühl von Autonomie.
Station 14 · Motivation
„Ich bin halt unbegabt“: Woran liegt eine Fünf?
Auftrag: Tippt eine Aussage an, dann das Feld, in das sie gehört. Welche Erklärung hilft nach einem Misserfolg am meisten?
Bernard Weiner (ab 1971): Nach Misserfolg hilft „zu wenig geübt“ – innen, veränderbar, kontrollierbar. Lehrkräfte prägen das durch ihr Feedback.
Station 15 · Prüfen
Belegt oder Mythos?
Auftrag: Entscheidet bei jedem Satz, dann auflösen. Welchen davon habt ihr schon in einer Fortbildung gehört?
Abschluss
Ins Regal und ins Kolloquium
Sechs Bücher, die man im Referendariat gelesen oder zumindest in der Hand gehabt haben sollte:
Ein Satz fürs Kolloquium, vier Teile: Wer? · Werk und Jahr · Kernbegriff · Grenze oder Kritik.
Wygotski (Denken und Sprechen, 1934): Unterricht setzt in der Zone der nächsten Entwicklung an; den Begriff „Scaffolding“ prägten erst Wood, Bruner und Ross 1976.
Im Kolloquium sagt jemand: „Laut Hattie ist die Klassengröße egal.“ Was antwortet ihr?
Unter 0,40 heißt bei Hattie „unterdurchschnittlich im Vergleich“, nicht „wirkt nicht“. Wer einen Wert zitiert, nennt die Quelle, die Ausgabe und die Grenze.