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Klicktafel · Lehrerfortbildung · Vorbereitungsdienst

Pädagogisches Grundwissen

Von Comenius bis Hattie: die Namen, Bücher und Studien, die man im Referendariat kennen sollte. Zu jeder Person die Kernidee, ein Satz fürs Kolloquium und die wichtigste Kritik. Dazu ein Zeitstrahl im Raum, eine Effektstärke zum Selbstrechnen und ein Mythen-Check.

Einstieg

Wie alt ist diese Idee?

Drei Leitsätze, wie sie in jedem Schulprogramm von heute stehen könnten:

„Zeigt den Kindern die Dinge selbst, statt nur über sie zu reden.“

„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Unterricht beginnt dort, wo ihr Denken gerade steht.“

„Bildung umfasst Kopf, Herz und Hand.“

Aus welcher Zeit stammt die älteste dieser drei Forderungen?

Station 1 · Überblick

Wer kam wann? Ein Zeitstrahl aus Menschen

✋ Ausprobieren · im Raum10 Minuten

Material
12 Zettel; je eine Karte von unten abschreiben, ohne Jahreszahl
Rollen
12 Freiwillige mit Karte; alle anderen beobachten und notieren Streitfälle
  1. Vermutet still: Welche Karte ist die älteste, welche die jüngste?
  2. Stellt euch ohne zu sprechen in eine Reihe: Fenster = alt, Tür = neu. Drei Minuten.
  3. Jede Person liest ihre Karte vor. Die Gruppe darf einmal umsortieren.
  4. Zurück an die Tafel: auflösen und vergleichen.

Auswertung: Wo lag die Reihe am weitesten daneben – und warum?

Station 2 · Klassiker

Die Klassiker: 1657 bis 1826

Auftrag: Tippt einen Namen an. Formuliert vorher in einem Satz, was ihr über die Person schon wisst – dann vergleicht.

Station 3 · Reformpädagogik

Reformpädagogik: „Vom Kinde aus“ (um 1900–1933)

Auftrag: Was davon gibt es an eurer Ausbildungsschule? Sucht zu jeder Person eine Spur im heutigen Schulalltag.

Reformpädagogik kritisch: Die Odenwaldschule, lange ein Vorzeigeort der Bewegung, war Schauplatz jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs (breit öffentlich seit 2010, 2015 geschlossen). „Reform“ ist kein Gütesiegel.

Station 4 · Lernen und Entwicklung

Piaget: Ist im hohen Glas mehr?

Zwei gleiche Gläser, gleich viel Wasser. Ein Kind bestätigt: gleich viel. Dann wird ein Glas vor seinen Augen in ein schmales, hohes Glas umgeschüttet.

A B C

sensumotorisch0–2 Jahre

präoperational2–7 Jahre

konkret-operational7–11 Jahre

formal-operationalab 11–12

Ein fünfjähriges Kind sagt: „In C ist mehr.“ Woran liegt das nach Piaget?

Station 5 · Lernen und Entwicklung

Wie lernt man? Vom Reiz bis zur Zone der nächsten Entwicklung

Auftrag: Vermutet für jede Person die Richtung – Behaviorismus, Kognitivismus oder Konstruktivismus? Dann antippen und prüfen.

kann ichallein schaffe ichmit Hilfe Zone der nächstenEntwicklung noch zu schwer

Wygotski: Unterricht soll im blauen Ring ansetzen. Was heute nur mit Hilfe gelingt, gelingt morgen allein.

Station 6 · Didaktik

Klafki oder Berliner Modell: Womit fängt Planung an?

Auftrag: Tippt die Felder des Berliner Modells an. Wo würde Klafki anfangen, wo Heimann, Otto und Schulz?

Berliner Modell (lerntheoretische Didaktik) · Heimann, Otto, Schulz: Unterricht – Analyse und Planung, 1965

↓

↓

Tippt ein Feld an.

Wolfgang Klafki (1927–2016) · Didaktische Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung, 1958

Fünf Grundfragen an jedes Thema:

  1. Exemplarisch: Welches allgemeine Prinzip wird daran verstehbar?
  2. Gegenwart: Welche Rolle spielt es schon jetzt im Leben der Kinder?
  3. Zukunft: Wofür brauchen sie es später?
  4. Struktur: Woraus besteht der Inhalt, wo liegen die Schwierigkeiten?
  5. Zugänglichkeit: An welchem Fall, Versuch oder Bild wird er anschaulich?

Klafki: Ziele und Inhalte zuerst, Methoden danach („Primat der Didaktik“). Berliner Modell: alle Felder bedingen sich gegenseitig („Interdependenz“).

Später baute er sie zur kritisch-konstruktiven Didaktik aus (Neue Studien, 1985): Unterricht soll an epochaltypischen Schlüsselproblemen wie Frieden, Umwelt und Ungleichheit bilden.

Station 7 · Didaktik

Die fünf Fragen an euer nächstes Thema

✎ Zettel und Stift · jede und jeder für sich8 Minuten

Wählt ein Thema, das ihr in den nächsten Wochen unterrichtet. Beantwortet Klafkis fünf Grundfragen dazu in je einem Satz: exemplarisch, Gegenwart, Zukunft, Struktur, Zugänglichkeit.

Für Schnelle: Ordnet eure fünf Sätze den Feldern des Berliner Modells zu. Welches Feld bleibt leer?

Station 8 · Unterrichtsforschung

Was macht Unterricht gut? Angebot und Nutzung

Auftrag: Tippt das Modell von links nach rechts an. Rechts: Welches Merkmal von Meyer würdet ihr einer anderen Säule zuordnen? Begründet.

Angebots-Nutzungs-Modell · Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität, 2009 (vereinfacht)

→ → →   und von unten wirkt mit: ↑

Tippt ein Feld an.

Drei Basisdimensionen (Klieme u. a. 2001, TIMSS-Videostudie) mit Hilbert Meyers zehn Merkmalen (Was ist guter Unterricht?, 2004). Die Zuordnung ist ein Vorschlag zum Diskutieren.

Klassen­führung

1 Klare Strukturierung2 Echte Lernzeit9 Transparente Leistungs­erwartungen10 Vorbereitete UmgebungKounin 1970: Allgegen­wärtigkeit, Über­lappung, Schwung

Kognitive Aktivierung

4 Inhaltliche Klarheit5 Sinnstiftendes Kommunizieren6 Methoden­vielfalt8 Intelligentes Üben

Konstruktive Unter­stützung

3 Lernförderliches Klima7 Individuelles Fördern

Station 9 · Unterrichtsforschung

Hattie: Was liegt über 0,40?

Auftrag: Entscheidet für jeden Faktor: über oder unter Hatties Umschlagpunkt d = 0,40? Dann auflösen.

Rot gestrichelt = 0,40. Stand der Werte: Hatties Liste von 2012; andere Ausgaben weichen ab (Feedback 2009: 0,73).

Station 10 · Unterrichtsforschung

Was bedeutet d = 0,4?

✎ Zettel und Stift · jede und jeder für sich5 Minuten · ohne Taschenrechner

Effektstärke: d = (Mittelwert A − Mittelwert B) : Standardabweichung

Klasse A bekommt regelmäßig Feedback und erreicht im Test im Schnitt 62 Punkte, Klasse B ohne Feedback 56 Punkte. Die Standardabweichung beträgt in beiden Klassen 15 Punkte.
a) Berechnet d.
b) Klasse C erreicht 59 Punkte. Wie groß ist d gegenüber B?

Für Schnelle: Wie klein müsste die Standardabweichung sein, damit derselbe Unterschied von 6 Punkten d = 0,6 ergibt?

Station 11 · Sozialpsychologie

Erwartungen, Vergleiche, Urteile

Ein starker Mathe-Schüler wechselt in eine Klasse voller Mathe-Asse. Seine Noten bleiben gleich. Trotzdem sagt er: „Ich bin schlecht in Mathe.“ Welcher Effekt?

Station 12 · Bildungssoziologie

Wozu Schule? Funktionen und Herkunft

Auftrag: Tippt die vier Funktionen nach Fend an. Welche erfüllt ihr, wenn ihr eine Note gebt?

Schule

Tippt eine Funktion an.

Station 13 · Motivation

Macht eine Urkunde Lust aufs Malen?

Ein Kindergarten in Kalifornien, 1973. Kinder, die gern malen, kommen in drei Gruppen: Gruppe 1 weiß vorher, dass es fürs Malen eine Urkunde mit Goldstern gibt. Gruppe 2 bekommt sie überraschend, Gruppe 3 keine.

Zwei Wochen später liegen die Stifte in der freien Spielzeit wieder aus.

Welche Gruppe malt zwei Wochen später am wenigsten?

Station 14 · Motivation

„Ich bin halt unbegabt“: Woran liegt eine Fünf?

Auftrag: Tippt eine Aussage an, dann das Feld, in das sie gehört. Welche Erklärung hilft nach einem Misserfolg am meisten?

in miraußerhalb stabil variabel

Station 15 · Prüfen

Belegt oder Mythos?

Auftrag: Entscheidet bei jedem Satz, dann auflösen. Welchen davon habt ihr schon in einer Fortbildung gehört?

Abschluss

Ins Regal und ins Kolloquium

Sechs Bücher, die man im Referendariat gelesen oder zumindest in der Hand gehabt haben sollte:

Ein Satz fürs Kolloquium, vier Teile: Wer? · Werk und Jahr · Kernbegriff · Grenze oder Kritik.
Wygotski (Denken und Sprechen, 1934): Unterricht setzt in der Zone der nächsten Entwicklung an; den Begriff „Scaffolding“ prägten erst Wood, Bruner und Ross 1976.

Im Kolloquium sagt jemand: „Laut Hattie ist die Klassengröße egal.“ Was antwortet ihr?

Hinweise für Seminarleitungen und Lehrkräfte

Zielgruppe und Einsatz

Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, im Seminar oder zum Selbststudium vor dem Kolloquium. Die Stationen sind einzeln einsetzbar; jede braucht etwa 5 bis 15 Minuten. Die Reihenfolge ist didaktisch: erst der Überblick (Einstieg, Zeitstrahl), dann die Felder von der Geschichte über Lernen und Didaktik bis zur Empirie, am Ende der Mythen-Check.

Lernziele

  • Die Teilnehmenden ordnen zentrale Personen, Werke und Studien Zeit und Feld zu.
  • Sie geben die Kernidee in einem Satz wieder und nennen eine Grenze oder Kritik.
  • Sie lesen und berechnen eine Effektstärke und deuten Hatties Werte vorsichtig.
  • Sie unterscheiden belegte Befunde von verbreiteten Schlagworten.

Typische Fehlvorstellungen

  • „Hattie zeigt, was wirkt.“ Richtig ist: Er mittelt sehr verschiedene Studien; der Kontext fehlt.
  • „Scaffolding stammt von Wygotski.“ Richtig ist: Der Begriff kam 1976 von Wood, Bruner und Ross.
  • „Lerntypen sind belegt.“ Richtig ist: Für das Anpassen an Lerntypen fehlt der Nachweis.
  • „Reformpädagogisch heißt gut.“ Richtig ist: Die Bewegung hat auch dunkle Seiten (Petersen, Odenwaldschule).
  • „Klafki ist veraltet.“ Richtig ist: Seine Fragen stecken in jedem Planungsraster.

Ausprobieren (Station 1)

Material: 12 Zettel und Stifte, eine freie Wand oder Fensterfront. Die Karten tragen nur Name und Werk, keine Jahreszahl. Wer keine Karte hat, beobachtet und notiert Streitfälle. Niemand wird vorgeführt: Die Reihe irrt gemeinsam.

Stiftaufgaben

Station 7 (Didaktische Analyse zum eigenen Thema) und Station 10 (Effektstärke ohne Taschenrechner). Beide lassen sich als Kolloquiumsvorbereitung zu Hause wiederholen.

An der Tafel

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