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Klicktafel · Informatik · Klasse 9–10 · Reihe Kryptographie, Tafel 7 von 10

One-Time-Pad: der unknackbare Schlüssel

Ein Schlüssel so lang wie die Nachricht, echt zufällig, nur einmal benutzt: Dann ist die Verschlüsselung beweisbar sicher. Warum das so ist, warum Spione trotzdem aufflogen und warum euer Handy es nicht so macht.

Einstieg · Abgefangen

Ein Funkspruch mit fünf Buchstaben

Abgehört · Kurzwelle · 03:00 Uhran Agentin „Möwe“

CXKTC

Die Gegenseite weiß, wie verschlüsselt wurde: Jeder Buchstabe bekam seine eigene, zufällige Verschiebung.

Ein Rechner probiert alle 11.881.376 möglichen Schlüssel durch. Das dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde.

Was findet der Rechner?

Station 1 · So rechnet die Zentrale

Buchstaben addieren – mit Rücksprung nach Z

Auftrag: Rechnet die Spalten selbst aus. Tippt dann auf das Fragezeichen und prüft.

Tippt auf eine Spalte.

Regel: Klartext + Schlüssel. Ist die Summe 26 oder mehr, zieht man 26 ab – das Alphabet fängt wieder bei A an. Mathematiker sagen „modulo 26“.

Mit diesem Blatt entsteht genau der abgefangene Funkspruch CXKTC.

Station 2 · Jetzt seid ihr die Gegenseite

Zu CXKTC passt jedes Wort

Auftrag: Denkt euch ein Wort mit fünf Buchstaben aus. Findet ihr eins, zu dem kein Schlüssel passt?

Schnell:

Gibt es ein Wort, zu dem kein Schlüssel passt?

Station 3 · Shannons Beweis

Warum hilft kein noch so schneller Rechner?

Auftrag: Wählt einen Buchstaben des Funkspruchs. Prüft: Welche Klartext-Buchstaben sind möglich – und wie oft?

Geheimbuchstabe wählen:

Die Beweisidee in drei Schritten

  1. Zu jedem Klartext gibt es genau einen passenden Schlüssel.
  2. Echter Zufall bevorzugt keinen Schlüssel – alle sind gleich wahrscheinlich.
  3. Also spricht der Geheimtext für keinen Klartext mehr als für einen anderen. Die Gegenseite erfährt nur die Länge.

Claude Shannon hat das bewiesen (geheimer Bericht 1945, veröffentlicht 1949). Er zeigte auch: Jedes so sichere Verfahren braucht mindestens so viele Schlüssel wie mögliche Nachrichten.

Ein Rechner, der unendlich schnell ist – knackt er CXKTC?

Station 4 · Das Kleingedruckte

Unknackbar – aber nur unter vier Bedingungen

Auftrag: Vermutet zu jeder Bedingung, was passiert, wenn sie fehlt. Dann aufdecken.

1

So lang wie die Nachricht

2

Echt zufällig

3

Nur einmal benutzt

4

Geheim bei beiden

Der Beweis gilt nur für das Verfahren. Wird eine Bedingung verletzt, ist das Versprechen „unknackbar“ weg.

Station 5 · Fehler im Einsatz

Ein Blatt, zwei Nachrichten

Auftrag: Beide Funksprüche wurden mit demselben Blatt verschlüsselt. Ratet ein Wort in Nachricht 1 und schiebt es, bis Nachricht 2 lesbar wird.

Stelle 1

Warum klappt das? Geheimtext 1 − Geheimtext 2 = Klartext 1 − Klartext 2. Der Schlüssel hebt sich auf. Was übrig bleibt, ist Sprache – und die hat Muster.

Station 6 · Echte Fälle

Einmalschlüssel im Kalten Krieg

Auftrag: Lest einen Fall pro Gruppe. Welche Bedingung entscheidet hier? Erst vermuten, dann aufdecken.

Venona1943–1980

Die US-Armee, später der Geheimdienst NSA, sammelte Tausende sowjetische Telegramme aus den Jahren 1940 bis 1948.

Unter dem Druck des Krieges hatte der sowjetische Hersteller rund 35.000 Seiten Schlüssel doppelt gedruckt.

Nummernsenderseit dem Kalten Krieg

Auf Kurzwelle liest eine Stimme Gruppen aus Zahlen vor. Wer ein Kurzwellenradio hat, kann mithören – das ist Absicht.

Im Prozess gegen kubanische Spione in Miami (2001) legte die Anklage dar: Die Agenten entschlüsselten die Sendungen von „Atención“ mit einem Laptop.

Heißer Drahtab 1963

Nach der Kubakrise bekamen Washington und Moskau eine direkte Leitung. Kein rotes Telefon: ein Fernschreiber.

Verschlüsselt wurde mit Einmal-Lochstreifen. Jede Seite machte ihre eigenen Schlüsselbänder. Kuriere brachten sie über die eigene Botschaft im anderen Land zum Gerät dort.

Station 7 · Ausblick

Dasselbe mit Bits: XOR

Auftrag: Tippt auf Schlüssel-Bits und beobachtet: Was passiert mit dem Geheimtext? Was passiert, wenn der Empfänger noch einmal XOR rechnet?

aba XOR b
000
011
101
110

XOR ist Addition „modulo 2“: wie bei den Buchstaben, nur mit zwei statt 26 Zeichen.

Gilbert Vernam verknüpfte so 1917 Fernschreiber-Zeichen mit einem Lochstreifen (Patent 1919). Joseph Mauborgne erkannte, dass ein völlig zufälliger Streifen das Knacken viel schwerer macht. Gemeinsam bauten sie das erste System mit Einmal-Streifen.

Station 8 · Der Haken

Wie kommt das Blatt zum Empfänger?

Auftrag: Jede Person soll mit jeder anderen geheim schreiben. Schätzt zuerst: Wie viele Blöcke braucht eure Klasse?

300 verschiedene Blöcke

Und jeder Block wird leer: Ein Video mit 100 MB braucht 100 MB Schlüssel – vorher sicher übergeben.

Eure Messenger verschlüsseln auch. Wie lösen sie das Problem?

Abschluss

Check

Auftrag: Entscheidet euch zuerst, dann auflösen.

Was verrät ein richtig benutzter Einmalschlüssel-Geheimtext?

Ein Agent nimmt als Schlüssel den Text seines Lieblingsbuchs – so lang wie die Nachricht, nur einmal. Was stimmt nicht?

Warum wurden bei Venona sowjetische Nachrichten lesbar?

Hinweise für Lehrkräfte

Jahrgang und Zeit

Klasse 9–10, Informatik. Voraussetzung: Cäsar (Klicktafel Cäsar), günstig auch Vigenère (Tafel 5).

Zeit: alle Stationen zusammen etwa 90 Minuten. Jede Station steht für sich; wählt aus, was zu eurem Unterricht passt.

Lernziele

  • Mit Buchstaben modulo 26 ver- und entschlüsseln (A = 0 … Z = 25).
  • Begründen, warum zu einem Geheimtext jeder gleich lange Klartext passt.
  • Die vier Bedingungen nennen und an einem Fall erklären, was passiert, wenn eine fehlt.
  • Unterscheiden: beweisbar sicher (One-Time-Pad) und praktisch sicher (z. B. AES).
  • Die Schlüsselverteilung als Grundproblem erkennen.

Typische Fehlvorstellungen

  • „Unknackbar heißt: Rechner zu langsam.“ Richtig ist: Es fehlt Information, nicht Zeit.
  • „Dann ist jeder Klartext gleich wahrscheinlich.“ Richtig ist: Der Geheimtext ändert nichts an dem, was man vorher vermuten konnte. FLIEH bleibt wahrscheinlicher als XQZTR.
  • „Das One-Time-Pad ist das beste Verfahren, also nutzt es jeder.“ Richtig ist: Es scheitert im Alltag an der Schlüsselverteilung.
  • „Der Schlüssel A verschiebt nicht, also ist er unsicher.“ Richtig ist: Jeder Buchstabe ist gleich wahrscheinlich; auch A gehört dazu.

Zur Sache

  • Echte Blöcke und Nummernsender arbeiten meist mit Gruppen aus Ziffern; hier stehen Buchstaben, damit die Brücke zu Cäsar und Vigenère sichtbar bleibt.
  • „Neues Blatt (Zufall)“ nutzt den Zufallsgenerator des Browsers (crypto.getRandomValues). Für die Klasse ist das „zufällig genug“; streng genommen ist es kein physikalischer Zufall.
  • Venona: Die Nachrichten waren vorher mit einem Codebuch in Zahlen übersetzt; das Einmalblatt kam obendrauf. Darum blieben auch „gelesene“ Nachrichten oft lückenhaft.
  • Station 5 zeigt das Prinzip, mit dem man zweifach benutzte Blätter angreift (Wörter raten und verschieben); die echte Arbeit bei Venona dauerte Jahre.
  • Weiter mit Tafel 9: Schlüsselaustausch.
  • Station 6, Nummernsender: Die Sendung ist nachgestellt, keine echte Aufnahme. Rauschen erzeugt die Seite selbst, die Ziffern liest die Sprachausgabe des Geräts (nur Stimmen, die auf dem Gerät liegen). Ohne deutsche Stimme läuft nur das Rauschen, die Ziffern erscheinen als Text.
  • Die Reihe im Überblick: Verschlüsselung: von der Skytale bis AES.

An der Tafel

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